Der Lamy 2000

Immer noch "up-to-date"?


Natürlich eine provokante Frage. Der Lamy 2000 ist seit 1966 up to date. Und wie. Dafür respektiert man ihn, dafür benutzt man ihn als tägliches Werkzeug, dafür mag man ihn vielleicht wirklich. Aber ein Blockfang, ein Schmuckstück, nein, das ist er nicht. Und das sollte er auch nicht sein, als Dr. Manfred Lamy vom Vater den Betrieb übernahm und neue Ideen hatte. Man wollte weg von diesen gewöhnlichen Schreibgeräten. Und damit begann die bis heute anhaltende Zeit der besonderen Lamy-Schreibgeräte.

 

Gerd A. Müller gestaltete den Lamy 2000 progressiv, in Material, Detailqualität und Praktikabilität. Das Ganze kombiniert mit klassischen Atributen eines Klassefüllhalters. Mit einer Goldfeder und mit einem Kolbenfüllsystem. Daran sollte Lamy nie rütteln. Bis auf kleine Veränderungen, im wesentlichen Wegfall der eingeprägten Beschriftung am Kappenrand sollte es nur eine wesentliche Veränderung geben. Ein anderes Griffstück. Damit begegnete man Undichtigkeiten, die man definitiv abstellte durch das Ganzmetallgriffstück. Das ist nun auch schon wieder viele Jahre her. Derzeit habe ich nur ein altes Modell, das ich mir nicht umrüsten lassen wollte und das nie Probleme machte. Es ist ein Geschenk meiner späteren Frau im Jahre 1994. Daher ist dieses Exemplar für mich essenziell.

 

Ich selber habe den 2000er immer gemocht, weil er so gut konstruiert und weil er durchaus praktisch ist. Und sein absolut einzigartiges Design ist so modern wie eh und je.

 

Da er auch noch vergleichsweise günstig angeboten wird, ist die Kombination Goldfeder und Kolbenfüllsystem in Verbindung mit großer Federauswahl für viele Füllhalterfreunde eine Attraktion. Und da er auch teils als Everybod´s Darling dargestellt wird, könnte man meinen, er sei für jeden etwas.

 

Ist er aber nicht. Ich möchte versuchen, das zu erhellen. Daher ein neuer Bericht, der auf dieaktuelle Anfrage Bezug nimmt.


Problem Nr. 1:

Die Oberfläche verändert sich im Gebrauch recht schnell. Die Mattierung verschwindet rasch von der Oberfläche des glasfaserverstärkten Markolon(R). Stört aber offenbar niemanden. Die Oberfläche wird glänzend und faßt sich holzartig an. Das Material ist äußerst robust. Unten sieht man leider im Licht nicht gut die Unterschiede zwischen dem kaum benutzten unten und dem Exemplar von 1994.


Problem 2:

Die Dichtigkeitsprobleme sind durch das geänderte Frontteil beseitigt. Aber es gibt eine Dichtring zwischen Griffstück und Corpus, das sich auch mal auflösen kann. Ist mir einmal passiert, als ich ein Exemplar in größerer Wärme versehentlich im Auto habe liegen lassen. Lamy hat mir das gerne ohne Kosten (nur Versandkosten hin) ausgetauscht. Die Leckage war verschwunden.


Problem 3:

Die Steckkappe sitzt fest, dazu sind zwei Metallnoppen auf einem Ring am Griffstück eingelassen. Manche stört das, mich nicht.

Die Kappen selbst haben ein Blech-Inlay, das mit der Zeit leider dazu führt, daß die Kappe nicht mehr so fest sitzt. Das läßt sich aber von Lamy beheben. Ist aber so ein Punkt, der mir persönlich nicht gefällt. Dafür wird das Griffstück von der Kappe nicht angegriffen.


Problem 4:

Die kleinen, teilverdeckten Federn. Sie lassen sich, vor allem bei kleiner Federbreite (EF) nicht so gut führen. Der schmale "Sweet Point" sorgt auch gerne für Aussetzer, wenn man die Feder nur leicht verkantet. Das kommt aber regelrecht vor. Man muß sich doch richtig eingewöhnen. Bei breiterer Feder ist das kein Problem mehr. Diegroße Federauswahl sollte einen nicht täuchen: die Oblique-Federn sind angeschrägte Kugelfedern und die breiten B und BB haben auch keine Strichvariation und laufen somit eher plump mit geringer Randschärfe. Sie sind aber ein guter Ausgangspunkt für einen Nibmeister.

 

Der Tintenleiter ist identisch mit dem des Lamy 27 von 1952 und sehr leistungsfähig und gut auslaufsicher. Selten gibt es bei großer Hitze Ausschwitzungen am vorderen Griffstückende. Die Kappe selbst wird aber nicht geflutet.


Wenn wir das alles beachtet haben und noch immer den Lamy 2000 gut finden, dann können wir die Vorteile umso mehr genießen:

1. Den hervorragenden fremdgefederten Clip

2. Das prinzipiell gute Schreibverhalten

3. Die insgesamt sehr gute Robustheit auch des Kunststoff-Kolbenfüllsystems, das man sogar einfach herausziehen kann (Vorsicht! Das ist keine Aufforderung). Prinzipiell auch gute Wartung, das Griffstück läßt sich leicht herausdrehen (Vorsicht! Den Metallring nicht verklemmen. Keine Aufforderung, das Griffstück abzumontieren. Ich mache das nie.)

4. Sich zu erfreuen über die enorme Fertigungsqualität mit in der Ralitätät kaum sichtbaren Grate auch zwischen Metall und Kunststoff oder wenn man sich das kleine, aber ausreichend praktische Tintensichtfenster ansieht.

5. Gutes Handling bei verschiedenen Benutzern. Der 2000 ist irgendwie nicht klein und nicht groß. One size fits (nearly) all.

6. Auch die Kappe läßt sich recht gut aufstecken. Die Gewichtsverteilung ist durch das Ganzmetall-Vorderteil besser geworden, der Halter hat die richtige Kopflastigkeit.

7. Der Kolbenmechanismus ist praktisch und die Füllmenge gut.

8. Man kann sich dann schließlich noch grundsätzlich über die Details erfreuen, den Lamy-Schriftzug an der Clip-Seite, das Germany an der Clip-Unterseite, kaum erkennbar, das glänzende Kappenende und die Metalleinlassung am Corpusende, wie es in den 60ern und 70ern häufig vorkam.


Sieht man nicht so gut, muß ich gelegentlich neu fotografieren bei besserem Licht.
Sieht man nicht so gut, muß ich gelegentlich neu fotografieren bei besserem Licht.
Lamy 2000M
Lamy 2000M

Es folgen noch zwei Schriftbeispiele, weitere sind hier: https://www.pens-and-freaks.com/schriftproben/lamy-2000/

 

 


Man muß den Lamy 2000 letztlich selber in die Hand nehmen und benutzen. Dann sieht man rasch, ob er für einen geeignet ist. Denn man sollte ihn so nehmen, wie er gedacht ist: als Werkzeug, das man gerne benutzt. Natürlich kann man ihn auch als Stilikone nur Anschauen, wenn man will.

 

Viele Grüße

Thomas und die Pens and Freaks


Uwe S. schrieb mir:

 

Hallo Thomas,

da ich 4 Fotos und 1 Scan anhänge, diesmal per Mail:

Vielen Dank für den neuen Beitrag zum Lamy 2000, den ich ja (wie schon geschrieben) kürzlich für mich wiederentdeckt habe. Meinen Lamy 2000 habe ich 2015 mit einer F-Feder gekauft, die 2019 von Lamy durch eine EF-Feder ersetzt wurde (kostenlos!). Beide Federn schrieben bzw. schreiben hervorragend; einen Unterschied in der Strichbreite konnte ich allerdings kaum feststellen.Da ich nur diesen einen 2000 besitze, kann ich nicht sagen, ob ich zunächst eine sehr feine F oder danach eine recht breite EF erwischt habe. Wenn ich aber deine beiden Schrift-Beispiele sehe, vermute ich mal eine eher breite EF in meinem Füller.(?)

Das von dir beschriebene "Problem 4" mit dem problematischen "Sweet Point" hatte/habe ich nicht. Insofern wundert es mich, dass diese "Aussetzer regelrecht" vorkommen sollen. Ich habe dazu extra noch mal eine Versuchsreihe unternommen, bei der ich Schriftproben in gerader und schräger Haltung (nach links und rechts) sowie mit umgekehrter Feder gemacht habe. Ich konnte dabei keine Aussetzer oder "Tinten-Abrisse" erzeugen. Ich füge 4 Fotos an, bei denen die jeweilige Feder-Haltung und die erzeugte Strichbreite erkennbar ist. Außerdem füge ich noch ein Scan (PDF) als Vergleich der Strichbreiten  an. Da erkennt man deutlich, dass die EF-Feder des Lamy 2000 deutlich breiter schreibt als die EF-Feder des Platinum und fast identisch ist mit der F-Feder des Sailor. Ich habe übrigens auch auf dem 80er Oxford-Papier geschrieben. Die Farbwiedergabe stimmt nicht ganz (jedenfalls auf meinem Monitor). Die "echte" Farbe der Waterman Serenity liegt ungefähr zwischen der auf den Fotos (1-4) und dem Vergleichs-Scan.

Die vielen von dir beschriebenen Vorteile kann ich nur bestätigen. Ich benutze den Lamy 2000 wieder sehr gerne! Als reine "Stilikone" zum Anschauen ist er jedenfalls viel zu gut! Dann doch lieber "Werkzeug" (ich liebe Werkzeuge ohne Schnickschnack!).

Viele Grüße
Uwe

(PDF abfotografiert. Einbetten von PDF ist mir zu umständlich.)
(PDF abfotografiert. Einbetten von PDF ist mir zu umständlich.)

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Pens and Freaks (Samstag, 20 Februar 2021 18:22)

    Hallo Uwe, vielen Dank für Deine Nachricht. Die Übergänge EF zu F können recht gering sein. Diese EF ist die breiteste meiner Lamy 2000-EF-Federn. Aber auch die gutmütigste. Sie hat auch einen "Sweet Point", mehr als die F. Meine beiden F schreiben recht unterschiedlich, auch unterschiedlich breit. Man kann hier wenig voraussagen. Die M, die ich gesehen hatte, waren eher breit, aber das kann ja auch wiederum sehr unterschiedlich sein. Die vier EF in einem Imporium, einem Accent und in zwei Studio schreiben alle deutlich breiter.
    Mit einer breiten verfügbaren Schreibspitzenfläche hast Du Glück gehabt. Das unkomplizierte Verhalten spricht eher für eine F. Wenn man das Griffstück abschraubt, kann man es auf der Feder ablesen. Ich würde das aber nicht machen.

    Vielen Dank nochmals und viele Grüße
    Thomas

  • #2

    Horst (Montag, 22 Februar 2021 22:11)

    zwar zum Studio, aber in einigen Punkten vergleichbar kann ich aus Erfahrung sagen:

    1. weder das Makrolon noch das gebürstete Metall fand ich "handschmeichelnd"
    2. die kleine Feder machte mir beim schnellen Schreiben, hier besonders bei den Unterschriften (als man/frau täglich noch 3-4 Unterschriftenmappen zu unterpinseln hatte - also vor der e-mail-Zeit) ständig Probleme. Daran änderte auch ein -kostenloser- Federtausch durch Lamy nichts. Wie bei allen meinen Füllern war es eine "M". Weil in meinem Namen 3 vertikale Buchstaben vorkommen gestaltete sich der Auf- und Abstrich oft lückenhaft. Da stimmte entweder der Tintenfluss oder die Federstellung zum Papier nicht optimal. Das war einfach für mich nicht alltagstauglich.
    3. das ist natürlich völlig subjektiv - die verdeckte Feder war und ist nicht meins.

    Ich weiß, er hat seine Freunde und das ist ja auch in Ordnung. Letztlich halt eine Glaubensfrage.

    Gruß,
    Horst

  • #3

    Pens and Freaks (Montag, 22 Februar 2021 23:37)

    Danke, Horst. Ja, die Feder! Das ist auch so ein Problem für mich. Der Schliff ist beim Parker „51“ oder Pilot Capless für mich viel besser. Oder auch beim Pelikan P1 oder beim ursprünglichen Aurora 88. Eine freistehende Feder ist für mich viel einfacher zu führen. Beim „51“ ist das Schöne, daß die Feder hervorragend dauerhaft geschützt ist. Das Glasfaser-Makrolon (R) ist für mich sehr angenehm.
    Dennoch hat der 2000er viele glückliche Benutzer.
    Viele Grüße Thomas