ONOTO Magna Classic

Rolls-Royce aus England?

So provokant kann man den Onoto Magna Classic vorstellen. Denn es stellt sich die Frage, ob die heutige Produktion an die alten Qualitäten anknüpfen kann. Die Firma de La Rue ist in Großbritannien bekannt für die Produktion von Geldscheinen und Briefmarken. 1905 begann man mit der Schreibgeräteproduktion. Die Modelle mit dem Vacuum-Füllsystem ("Plunger Filler") wurden schnell zu einem Begriff und stellten DIE Füllhaltermarke Großbritanniens dar. ONOTO - THE Pen - stand stolz auf den Füllhaltern. Der heute zu hohen Preisen angebotene historische Magna wurde 1937 eingeführt. 1957 endete die Produktion mit einfacheren, teils mit verdeckten Federn und aus Kunststoffmaterialen, wie es in den 50ern üblich wurde. Die aufwendige Fertigung aus Hartgummi oder Celluloid war verschwunden und zudem vernichtete der Kugelschreiber schließlich auch die Onoto-Schreibgeräte. 

Hier der Onoto Magna Classic aus englischer Produktion, der in Handarbeit in Norwich gefertigt wird. Neben vielen anderen Ausführungen die Variante aus schwarzem Acryl mit einer "Chasing" genannten Muster mutmaßlich (leider) im Sinne einer Lasergravur. 

Dieses Modell hat den berühmten "Chevron Clip" und das moderne Logo der seit 2005 operierenden Nachfolgefirma. Das ursprüngliche "Thomas de la Rue"-Logo wurde von der heute noch existierenden Firma offenbar nicht freigegeben. Die Akzente sind teils versilbert, teils aber auch massiv aus 925er-Sterlingsilber. Der Clip ist leider extrem rigide und nicht gut einzusetzen.

Der mittlere Ring ist mit einer Sterlingsilber-Punze versehen, ob die anderen Ringe nur versilbert sind, bleibt offen. Bisher sind die Akzente noch nicht angelaufen, wahrscheinlich sind die Akzente zum Schutz rhodiniert. 

Auf der Gegenseite gibt es ein für eine Gravur geeignetes Blindfeld. Ja, auch die Inschrift ist "Laser engraved", wie das ja heute so schön heißt, die Sache aber nicht besser macht. Ein klassischer Stempel und eine frühere Guillochierung sind ästhetisch ansprechender. 

Das silberne Logo am Kappenkopf

Nicht so schön zu sehen: Das Corpusende mit dem silbernen (massivsilbernen?) Abschluss

Schöne Stahlfeder mutmaßlich von Bock im klassischen Onoto-Stil. Gegen GBP 140 netto (als Nachkauf über GBP 180 zzgl. USt + VK) bekommt man eine zweifarbige 18K-Goldfeder jeweils in F, M oder B oder gegen Aufpreis von GBP 75 netto eine Nibmeister-bearbeitete Feder nach Wunsch. Eine Variante mit 32 statt 24 g Gesamtgewicht bekommt man für GBP 18 netto (Stand 2/19). Dies hier ist eine teilvergoldete Stahlfeder in F, also eine Standardausführung.

Der Kunststoff-Tintenleiter typischer Machart. Leider kein Ebonit

Und das ist die Verpackung:


Zusammenfassende Beurteilung:

Wegen der Eingangsfrage möchte ich euch nicht auf die Folter spannen. Der recht stämmige Halter mit einer Länge von 13,8 cm geschlossen, 12,4 cm offen und 16,4 cm mit aufgesteckter Kappe, die sicher sitzt, liegt sehr leicht und schön in der Hand. Das Griffstück läuft konisch zu, hat einen Abschlussring zur Feder und misst 12 mm im Durchmesser mittig, minimal 10,5 und maximal am hinteren Ende 12,5 mm. Der Schaft misst max. 13 mm im Durchmesser. Der Magna ist gleichmäßig ausbalanciert, das etwas größere Gewicht der 32-g-Variante könnte ich mir auch gut vorstellen. Leichte Halter erwecken gerne den Eindruck minderer Qualität.

 

Onoto ist sehr stolz auf das hochverdichtete Material, das sehr kratzunempfindlich sei. Da passt es nicht so recht, dass das erste Exemplar ohne die Musterung (Black ohne Chasing) eine tiefen Kratzer am Corpus hatte. Das ging so durch die Endkontrolle und wurde mit den sehr freundlichen handschriftlichen Kommentaren und Zertifizierungen gemeinsam verschickt. Das zweite Exemplar zeigte einen milden Kratzer im Silber-Emblem am Corpusende. Auseinandergefallen ist aber nichts. Der Corpus sitzt fest und stets sicher auf dem Griffstück und die Kappe sitzt mit ihren 4 1/4 (!) Umdrehungen stets zuverlässig. Der Gewindegang ist etwas "trocken", aber sehr fein ohne jegliche Hakeligkeit beim Verschrauben.

 

Der Halter ist auch recht austrockungssicher, aber bei weitem weniger gut als ein Aurora Talentum, Parker Duofold, Sailor 1911 L oder gar ein Platinum 3776 Century oder auch ein Lamy 2000 oder imporium. Aber es geht im Wesentlichen in Ordnung. Natürlich hätte ich mir hier außerordentliche Sorgfalt in Fit und Finish gewünscht und auch überzeugende "Business"-Funktionen wie praktischer Gewindegang oder Austrockungssicherheit. 

 

Und das Füllsysytem. Für mehr als das Doppelte (wir reden hier von knapp GBP 400 ohne VK für das Stahlfedermodell!) bekommt man einen Plunger Filler, der auch eine Goldfeder hat und es gibt viele weitere Ausführungen, auch in Edelmetall. Auf der Webseite von Onoto kann man gerne nachsehen: https://onoto.com/

 

Der Magna Classic kommt üblicherweise mit einem üblichen gesteckten Drehkonverter oder kann mit internationalen Standardpatronen betrieben werden. 


Und wie schreibt der Onoto nun? 

Mit der Standardtinte Waterman Serenity Blue eigentlich durchaus saftig und ausdrucksstark, leider gibt es aber auch manchmal Anschreibprobleme und die Feder ist halt eine Stahlfeder ohne "Regungen", also ohne jegliche Elastizität oder Besonderheit im Schliff. Auch rigide Goldfedern sehr guter Machart (so z. B. von Aurora oder Sailor) habe doch einen ganz anderen Schliff und einen anderen Tintenfluss. Die feine 18K-Goldfeder konnte ich früher einmal schreiben. Sie hat mir mit ihrer Semielastizität gut gefallen. Leider haben sich die Federschenkel gegeneinander verkantet. No go. Ein Nachkauf einer 18K-Goldfeder, die einfach als Aggregat hineingedreht werden kann, ist sehr teuer mit annähernd GBP 200 einschl. USt und VK. Das passt im Nachhinein nicht so gut. Auch einen Hartgummi-Tintenleiter hätte ich mir gewünscht, um dem gewünschten Nimbus eines "First Brand"-Herstellers zu entsprechen.


Schlussfolgerung:

Als unmittelbarer Vergleich kann mir ein Aurora Talentum dienen, der ca. 100€ günstiger ist trotz seiner 14K-Goldfeder. Beide haben ein CC-Füllsystem (bei Aurora System Parker) und ein Kunststoffgehäuse, bei Aurora sicherlich ein Spritzkunststoff-Duroplast. Die Akzente sind stattdessen verchromt, die Goldfeder rhodiniert (es gibt ihn auch vergoldet). Die Federauswahl bei Aurora, auch ohne Mehrpreis, ist gigantisch, ein Mehrpreis für bestimmte Federn ist sicher gerechtfertigt (z. B. Rechtsoblique in verschiedenen Stärken). In der Haptik macht der Aurora den viel wertigeren Eindruck, auch wenn der Onoto durchaus viel Ausstrahlung hat.

 

Einen verkratzten Aurora habe ich "out of the box" noch nie gesehen, aber man sollte der doch kleinen Onoto-Produktion hier nicht zu viel vorwerfen. Man hat es ja schnell in Ordnung gebracht (insgesamt jeweils sehr schnelle Lieferung). Die Besonderheit des "High Density"-Acryls des Onoto ist zumindest haptisch nicht so zu erkennen. Das "Chasing Pattern" wirkt eher billig als prachtvoll. Die hingegen prachtvolle "Ausstattung" mit Box und Beilagen (einschließlich Silberputztuch) können mich nie so richtig reizen, weil es letztlich nur um das Schreibgerät geht, auch wenn das Ausdruck englischen Statements ist. Alternativ gbt es ja auch die Bespoke Pens mit den ;aterialien der verblichenen Marke Conway-Stewart. Dort gefallen mir die "Laser engraved"-Federn aber überhaupt nicht, zumal bei diesen Preisen.

 

Der Kontakt zu Onoto, siehe dazu auch das handgeschriebene Anschreiben, ist sehr freundlich. 

 

Mir selber gefällt der unperfekte, aber ausdrucksstarke Onoto Magna dennoch. Auch wenn er ein bisschen "plastikartig" daherkommt und der unglaublich feste Clip kaum zu gebrauchen ist. Er ist halt doch ein bisschen wie ein Jaguar XJ und nicht wie ein Rolls-Royce!

 

Ich hoffe, der Beitrag dieses interessanten englischen Füllhalters hat euch gefallen. Vielleicht sendet ihr mir auch Kommentare. Ich freue mich darüber. 

 

Viele Grüße

Euer Thomas

 

P. S.: Onotos können beim Hersteller direkt, aber auch im (Internet-) Fachhandel erworben werden. Ich selber könnte mir einen mit 18K-Goldfeder, customized EF oder Stub in der Variante Tortoiseshell and Gold vorstellen, der ist aber ausverkauft. Wenn es ihn wieder geben sollte, wird mich der Service informieren. 


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