Pineider Avatar 2019

Neue Ideen von Dante del Vecchio

Dante del Vecchio ist der inzwischen legendäre Gestalter besonderer, teils epochaler Schreibgeräte und Mitgründer von Visconti 1988 in Florenz. Zu seinen Entwürfen gehören Homo Sapiens, Manhattan, Van Gogh, Rembrandt, Divina, um nur einige zu nennen in vielen verschiedenen Ausführungen. Gerade der Homo Sapiens mit seinem Lavastein-enthaltenen Kunststoffmaterial und dem Bajonettverschluss, dem Vacuum-Füllsystem mit Titan, Einsatz von Bronze in den Applikationen und den einzigartigen Palladium-Federn, ist optisch und technisch einer der größten Besonderheiten der letzten 20 Jahre in der Branche. Inzwischen hat del Vecchio nach seinem Verlassen von Visconti 2017 sich Pineider zugewandt, ein in Florenz ansässigem Schreibgeräte-Geschäft, das bereits früher hat Schreibgeräte produzieren lassen. Neben dem la Grande Bellezza im höherpreisigen Bereich brachte Pineider den Avatar und zum neuen Jahr eine veränderte Version Avatar 2019.


Man kann dies auch in Promo-Beiträgen auf Youtube nachvollziehen. Del Vecchio hatte eine neue Idee. Warum nicht ein verbilligter Avatar, der eine sehr höhe Materialrobustheit hat im Sinne eines "Every Day Pens", der zudem einfach zu produzieren ist und nur aus 17 Teilen besteht? Die Federeinheit wird bei Bock zugekauft. Der Clou ist, dass der Halter ohne Klebstoff sozusagen zusammengesetzt (GlueLess (R)), teils gehämmert wird und dazu noch die Teile des Schreibgerätes selber dienen. Neben dem leicht geänderten Design hat der Avatar 2019 wie der Vorgänger und die Visconti-Serien Van Gogh und Rembrandt einen Magnetverschluss, der aber zwischen Kappenrand und Corpus angebracht ist im Gegensatz zu dem Frontmagneten federnah bei den Viscontis. Bereits bei der ersten Version wurde der schwache Kappenverschluss kritisiert. 


Del Vecchio war schon immer für farbige, gemusterte Schreibgeräte. Bunt soll es gerne sein (auch beim Homo Sapiens gibt es ja solche LE-Modelle). Und so hat der Avatar 2019 ein Spritzkunststoffgehäuse aus gestromten Materialien (UltraResin (R)), das auch das Überfahren durch einen PKW überstehen soll. GlueLess (R) und UltraResin (R) also sind die Marketingbegriffe, die den Avatar zusammen mit den vielen verschiedenen Farben bzw. Ausführungen für einen Run auf den neuen Avatar führen können (sollen). Er steht ja in unmittelbarer Konkurrenz zum Visconti Rembrandt, der seit Jahren etabliert ist und gegenüber dem ersten Avatar ca. 30€ günstiger und jetzt um etwa diesen Betrag teurer ist. Bei der ersten Variante des Avatar war man bei den Tests einhellig der Meinung, dass die Machart des Visconti hochwertiger und der Mehrpreis nicht nachvollziehbar sei.


Optik und Material: Der Avatar 2019 ist recht leicht und schmächtig, die Ausführung Riace Bronze ist grau und gestromt mit wenig Tiefe und einem matt wirkenden Finish. Man spürt ja bei einem Halter sofort die Materialglätte und empfindet das Material als einfaches Plastik oder fast als Porzellan, wie es z. B. bei den Montblanc Meisterstücken der Fall ist oder auch bei einem Aurora oder Conway Stewart. Material und Oberfläche wirken eher einfach, gerade auch im Vergleich zum Rembrandt, dessen Material mehr Tiefe und die Oberfläche mehr Glätte hat. Der eine Feder immitierende Clip sitzt dagegen tadellos und ist fremdgefedert, das Kappenband mit der Silhouette von Florenz ist recht formschön. Der als relevanter Schutzfaktor bei Stürzen bezeichnete metallene Corpusabschluss wirkt hingeben primitiv und unschön. Wie bei Visconti auch hier ein Metallgriffstück, das konkav ausgeführt ist und letztlich eine gegenüber der ersten Variante und auch gegenüber dem Rembrandt eine wesentlich dünnere Griff-Fläche bewirkt. Die Leichtigkeit des Materials im Gesamten, der recht schmale Corpus und auch das schmale Griffstück in Verbindung mit der recht ordentlich ziselierten 6er-Edelstahlfeder wirken unharmonisch, auch beim Schreiben. Auch das passt beim Rembrandt besser, der auch eine bessere Balance durch das schwerere Metallgriffstück hat. 


Funktionalität und Schreibverhalten: Über den Clip als gelungenes Detail habe ich bereits gesprochen, über die große Feder auch. Sie wird in F und M (nach meinen Recherchen) angeboten. Ich hatte die F zur Verfügung. Der Tintenfluss ist durchschnittlich gut, die Feder recht schmal. Die Schreibprobe habe ich aktuell verlegt. Da ich den Avatar nicht mehr habe, kann ich daran nichts ändern. Der Rembrandt mit Stahlfeder schreibt saftiger und breiter. Gegenüber diesem hat der Avatar aber einen leicht elastische Feder. Es ist im Gesamten eindeutig eine "metallisch" schreibende Stahlfeder. Ohne Frage. Und jetzt zur Kappe. Es ist leider weiterhin so, dass der Magnetverschluss-Mechanismus nicht befriedigend funktioniert. Die Kappe sitzt nicht fest und wackelt. Das hat dennoch bei firmenunterstützten Beiträgen zu positiven Gesamtbeurteilungen geführt. Wie das? In meiner Sicht, und etwas anderes kann ich mir als Benutzer auch gar nicht vorstellen, hat ein Füllhalter, bei einem Filzstift für 30ct wäre es nicht anders, eine sicher schließende Kappe zu haben. Punkt. Alles andere ist eine Fehlkonstruktion. Ich kann es leider nicht schöner sagen. 


Zusammenfassende Beurteilung: Die Grundidee des Avatar mit seinem gemäßigten Preis und seiner auf den ersten Blick recht attraktiven (italienischen) Optik ist lobenswert und ein neuer Aspekt. Es ist aber auch ganz klar, dass dem Käufer und Benutzer letztlich egal sein kann, wie der Halter produziert wird. Auch Halter mit Klebestellen fallen ja nicht auseinander oder sind ökologisch bedenklich. Sicherlich sind auch Ideen zu attraktiven Oberflächen aus einfacheren Spritzkunststoffen (was durchaus einen recht hohen technologischen Aufwand erfordert und auch eine längere Erprobungsphase benötigt) und hohe Resistenz der Materialien ein guter Ansatz. Er muss aber letztlich zu einem guten Gesamtergebnis führen. Das ist beim Avatar 2019 leider nicht der Fall.


Es folgen in der Login-Version Bilder des Avatar 2019:


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Kommentare: 5
  • #1

    Pens and Freaks (Sonntag, 05 Mai 2019 20:53)

    Im Verlauf werde ich den Visconti Rembrandt mit der Palladium-Feder vorstellen.

  • #2

    Marc (Sonntag, 05 Mai 2019 22:16)

    Hi Thomas,

    wieder mal ein sehr informativer Beitrag. Vielen Dank dafür.

    Schade, das bei dem Wechsel von Visconti nicht mehr bei rumgekommen ist. Wollen wir mal hoffen, das bei den weiteren Füllern von Pineider bessere Ergebnisse bei raus kommen.

    Viele Grüße aus Essen,
    Marc

  • #3

    Pns and Freaks (Sonntag, 05 Mai 2019 23:29)

    Ja, Marc. Enttäuscht darf man da schon sein und überrascht über das Gesamtpaket. Die Wackelkappe schießt dann den Vogel ab. Es ist halt ein derzeit viel diskutierter Füllhalter bedingt schon durch den namhaften Entwickler. Es gibt ja immer wieder neue italienische Marken wie ASC, Scribo oder Leonardo, die aufbauen auf alten untergegangenen Firmen. Pineider ist sicherer ein ganz anderes Produkt als Visconti. Bin auch gespannt, wo die Reise hingeht. Mal sehen, ob und wann del Vecchio die falsche Richtung erkennt oder zumindest das Qualitätsproblem realisiert und abstellt.

    Thomas

  • #4

    Hans-Joachim (Samstag, 24 August 2019 18:52)

    Hallo Thomas,
    herzlichen Dank, sehr informativ, wenn auch ernüchternd. Eine Frage habe ich noch: An anderer Stelle habe ich den Hinweis gefunden, die Feder sei semi-flex, noch andere spüren da gar keine Flexibilität. Du schreibst „leicht elastisch“. Kannst Du das vergleichen, z.B. mit der FA-Feder von Pilot?
    Viele Grüße
    Hans-Joachim

  • #5

    PAF (Samstag, 24 August 2019 20:02)

    Hallo Hans-Joachim, danke Dir. weich, elastisch, flexibel?
    Die Avatar ist ein bisschen soft, also weich. Aber mehr ist das nicht. Der Falcon hat eine in Maßen elastische Feder mit recht beachtlicher Strichvariation. Aber das Flexen erfordert recht viel Druck und das Rückfedern ist verzögert. Das alles ist nicht immer leicht zu beschreiben, man muss es selber ausprobieren.
    Letztlich ist wohl nur die Feder extra von OMAS resp. Scribo einer Vintage Flex vergleichbar.
    Der Avatar ist da sehr weit davon entfernt.

    Viele Grüße
    Thomas