Lamy dialog 3 - die etwas andere Füllerbetrachtung

 

von Gregor

 

Mein erster Dialog 3 war 2009 einer der ersten überhaupt: Ich war fasziniert und habe ihn täglich und fast pausenlos in Benutzung gehabt – nach einem halben Jahr war er so ausgeleiert, dass mir von Lamy ohne jede Diskussion kurzerhand ein neuer Dialog 3 zugesandt wurde. (Danke, Lamy, für den bekannt herausragenden Service!).

 

Was auch immer sich in der Fertigung getan haben mag, dieser zweite Dialog 3 ist in der Qualität und Dauerhaftigkeit weit besser und schlägt sich wacker seit Jahren im Gebrauch.

Über Haptik, Schreibeigenschaften, Gewicht usw. haben andere, wie Thomas auf seiner Homepage, schon ausführlich berichtet. Mir gefällt der D3 ausgesprochen gut für kurze Notizen, ich benutze ihn oft in Seminaren und Besprechungen.

 

Hier möchte ich die Technik nochmal eines kritischen Blickes würdigen:

 

1. Das geschraubte Federaggregat

2. Die Führung des Federaggregates im Mundstück des Griffes

3. Die Oberflächenbeschichtung

4. Das Kugelventil

 

1. Das Federaggregat ist im Griffstück in eine drehbare Hülse mit Kulissenführung eingeschraubt. Beim 'Öffnen' des Füllers wird diese Hülse gedreht und das Federaggregat nach vorne aus dem Mundstück hinausgeschoben.

Abb. 1: Hinterteil abgeschraubt
Abb. 1: Hinterteil abgeschraubt

 

Wer einen Konverter benutzt, muß nicht nur zum Befüllen jedes mal den Füller auseinander-, sondern auch noch das Federaggregat herausschrauben. Dies geht allerdings sehr einfach und schnell.

Abb. 2: Federaggregat
Abb. 2: Federaggregat

 

Anmerkung: Dichtband und Tesafilm sind nicht Original - siehe unten im Text:

 

Das Problem zeigt sich erst später: Durch oft wiederholtes Heraus- und Einschrauben des Federaggregates setzt sich das Gewinde. Zum Festschrauben muß ein paar Grad weitergedreht werden als im Neuzustand, und die Feder steht dann verdreht zum Clip. Fühlt sich komisch an und sieht auch nicht wie gewollt aus.

Abb 3: durch Gewindesetzen verdrehte Null-Lage
Abb 3: durch Gewindesetzen verdrehte Null-Lage
Abb 4: durch Gewindesetzen verdrehte Null-Lage #2
Abb 4: durch Gewindesetzen verdrehte Null-Lage #2

 

Wer nicht damit leben will, dass sich die Lage der Feder im Füllerleben fortentwickelt, kann mit ein bis zwei Lagen Dichtband (Teflon, Baumarkt) das Gewinde so schwergängig machen, dass es sich auf Stellung drehen lässt. Es muß dann nicht mehr auf Anschlag festgedreht werden, und die Lage der Feder lässt sich vom Nutzer selber einstellen.

Abb. 5: mit Dichtband zur einstellbaren Null-Lage
Abb. 5: mit Dichtband zur einstellbaren Null-Lage
Abb. 6: mit Dichtband zur einstellbaren Null-Lage #2
Abb. 6: mit Dichtband zur einstellbaren Null-Lage #2
Abb. 7: mit Dichtband zur einstellbaren Null-Lage #3
Abb. 7: mit Dichtband zur einstellbaren Null-Lage #3

 

Ich denke, Lamy hätte keinen Konverter beilegen sollen, sondern lieber den Dialog als reinen Patronenfüller deklarieren können. Die o. g. Problematik entsteht erst durch häufiges Ein- und Ausschrauben des Federaggregates. Ich benutze jetzt nur noch Patronen und fahre gut damit.

Denkbar wäre es auch, die 'Nullage' der Feder auf dem Federaggregat und Gehäuse zu markieren (wie mit dem roten Strich in o.s. Bildern) und einen O-Ring vor das Gewinde zu setzen (kennt man aus den TWSBIs am Kappengewinde). Dadurch wird jedes Gewinde schwergängig und kann vom Nutzer auf Stellung gedreht werden. 

 

2. Sowohl bei meinem ersten als auch dem jetzigen D3 hat das Federaggregat vorn im Mundstück des Griffes ein ganz klein wenig Spiel. 

Abb. 8: Führung des Federaggregates
Abb. 8: Führung des Federaggregates
Abb. 9: Spiel an der Führung des Federaggregates
Abb. 9: Spiel an der Führung des Federaggregates

 

Mich stört das beim Schreiben, weil ich es in den Fingern spüre. Zu sagen, dass es sich 'klapprig' anfühlt, ist weit übertrieben, aber es ist zu bemerken und gibt ein merkwüdiges Feedback. Vermutlich ist das auf meine Art des Schreibens zurückzuführen, weil ich ziemlich stark aufdrücke und das Federaggregat in der Führung richtig arbeiten muß. Anderen Schreibern mit leichterer Federführung fällt dieses Problem vielleicht gar nicht auf (dann ist es auch kein´s ...).

 

Das ist der Grund für den – nicht eben ästhetischen  Tesafilm vorne am Federaggregat meines D3: Zwei Lagen Tesafilm, auf Stoß geklebt (nicht übereinanderwickeln!), beseitigen das Spiel vollends und erlauben dem Federaggregat noch eben gerade, ohne zu hakeln durch das Mundstück zu gleiten.

Abb. 10: Tesafilm gegen Federspiel
Abb. 10: Tesafilm gegen Federspiel
Abb. 11: Federspiel beseitigt
Abb. 11: Federspiel beseitigt

 

3. Die Oberflächenbeschichtung ist angenehm und wirkt sehr edel - leider hat sie sich an meinem D3 ohne Feindeinwirkung gelöst, und zwar an der haarfeinen Trennfuge zwischen Vorder- und Hinterteil des Griffs. Das ist auf einem Foto kaum zu sehen.

 
Abb. 12: Beschichtung
Abb. 12: Beschichtung

 

Auch in natura sind die Stellen (es sind zwei) nur bei aufmerksamem Hinschauen zu erkennen, so dass es eigentlich kaum stört ... wenn, ja wenn der D3 qualitäts-(preis-)mäßig nicht eigentlich in einer anderen Liga spielen sollte ...

 

4. Über das Kugelventil kann ich nur Gutes berichten: Es wird über ein kleines Zahnradgetriebe aufgedreht, und dies geschieht ohne zu Mucken, solange keine Tinte hineingerät und dort trocknet.

Abb. 13: Blick auf den Drehantrieb des Kugelventils
Abb. 13: Blick auf den Drehantrieb des Kugelventils

 

Sonst muß man das Griffvorderteil durchspülen mit klarem Wasser. Nach dem Trocknen ist alles wieder gut. Ich habe es als vorteilhaft empfunden, ein ganz klein wenig Silikonöl in das Getriebe und auf das Kugelventil zu geben (mit einer Zahnstocherspitze aufgetragen). Das Öffnen geht sanfter vonstatten. Das Öl habe ich aus der TWSBI-Verpackung (keine Schleichwerbung).

 

Mein D3 ist mit dem Ventil pottendicht. Auch nach Wochen in der Schublade (ja, das kommt vor..) schreibt die Feder sofort an. Der Federstrich auf den ersten Zentimetern ist deutlich dunkler als normal, es verdunstet also Wasser aus der Tinte, aber die Feder ist noch nie ausgetrocknet. Das einzige, was etwas stört, ist der Tintenschleier, der sich über die Oberfläche des Kugelventils ausbreitet.

Abb. 14: Tintenrest am Kugelventil
Abb. 14: Tintenrest am Kugelventil

 

Da ich nicht ausschließen kann, dass besagtes Silikonöl irgendeinen Einfluß auf die Benetzung der Kugeloberfläche haben könnte, laste ich diesen geringen Makel nicht Lamy an. Wenn es mir zuviel ist, wische ich die Kugel in geschlossenem Zustand mehrfach ab, dann habe ich wieder einige Zeit Ruhe. Wenn ich das nicht tue, wird der Tintenschleier aber auch nicht mehr schlimmer mit der Zeit.

 

Mein persönliches Fazit: Trotz dieser kleinen Mängel gebe ich meinen D3 nicht her! Mit den Augen des Ingenieurs betrachtet bietet sich vielleicht Verbesserungspotential, aber auch so ist der D3 ein toll gelungenes Stück Technik aus außergewöhnlichem Design mit nutzbarer Alltagstauglichkeit. Und ich gebe es zu: Ja, auch der 'coolness'-Faktor spielt eine Rolle, wenn man mit dem D3 Notizen macht, während rundherum nur Werbekulis laut klickend einsatzbereit gemacht werden ...

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Kommentare: 6
  • #1

    pens-and-freaks (Sonntag, 10 November 2013 21:22)

    Vielen Dank, Gregor, für diesen exzellenten und detailreichen Bericht über den Lamy dialog 3. Ein solcher Beitrag eines erfahrenen Benutzers dieses technisch anspruchsvollen Schreibgeräts ist ein Highlight.

    Viele Grüße
    Thomas

  • #2

    Sven (Montag, 11 November 2013 21:42)

    Interessante Betrachtung. Wer das Konzept mag, sollte vielleicht auch mal einen Pilot Vanishing Point ansehen, der scheint mir ein wenig robuster...

  • #3

    Pens and Freaks (Montag, 11 November 2013 22:10)

    Der Pilot Capless bzw. Banjo Vanishing Point ist technisch absolut ausgereift. Ich habe noch nie gegenteilige Ansichten oder Erfahrungen gehört. Meiner funktioniert einwandfrei. Mein Dialog 3 zeigte schon eine schwergängige Mechanik. Lamy hat das getauscht. Die Schmierung scheint noch nicht technisch gelöst zu sein. Lamy wird aber sicher großzügig helfen. Dennoch hat der Dialog 3 eine Anwenderzahl, die den Halter liebt. Im Handling ist er anders als der Capless. Mancher kommt mit dem kräftigen Halter mit der großen Feder besser zurecht.

    Ich denke, ein exzellenter Bericht von Gregor. Ich wäre euch sehr verbunden, wenn ihr weitere Kommentare schreiben würdet

    Thomas

  • #4

    Gregor (Dienstag, 12 November 2013 12:44)

    Danke für das Lob, Thomas.
    Ich kenne auch den Pilot Capless und finde ihn merkwürdig unbalanciert mit dem kräftigen Griff und dem sehr langem Korpus, kombiniert mit der Minifeder. Damit komme ich gar nicht klar, aber andere Nutzer werden das anders beurteilen. Die Mechanik ist zuverlässig; sie wird ja auch schon seit fast 50 Jahren produziert. Der Capless hat zu recht seine Fangemeinde.
    In dem Bericht zum D3 wollte ich die offenen Fragen so vieler anderer Tester zur Mechanik und dem Kugelventil aufgreifen. Freut mich, das dies auf Interesse stößt.
    Gruß
    Gregor

  • #5

    Alfred (Sonntag, 11 Februar 2018 00:15)

    Nun ja, jedem seins. Der Füller ist interessant ohne Frage und mag sicherlich seine Vorzüge haben, aber ihn zum Besten als Patronenfueller einsetzen? Aber die Lamy-Tinten treffen nicht jedermanns Geschmack, und das Befüllen mit den ein bunteres Schreiberleben ermöglichenden Fasstinten macht für viele einen wesentlichen Reiz des Hobbys aus.
    Solch ein Kaliber von einem Halter sollte meines Erachtens ohne Abstriche die Kolbenmechanik - auf welchem Wege auch immer - unterstützen.
    Ferner hat er für mein Empfinden keine irgendwie ästhetischen Linien und Formen, was jedoch zu einem guten Teil gleichfalls kompromissbedingt sein dürfte .
    Wertig, robust, langlebig, das scheint er in der Tat schon den Bildern zufolge zu sein. Funktionell auf alle Fälle ebenso.

  • #6

    Alfred (Sonntag, 11 Februar 2018 00:16)

    Es grüßt in die Runde

    Alfred