Der Montblanc 254 und die Flügelfeder

Der Schöne und Zerbrechliche

Die 250er-Serie von Montblanc wurde zwischen 1953 und 1959 hergestellt und bestand erstmals bei Montblanc nicht mehr aus Celluloid. Der moderne Spritzkunststoff, ein Duroplast, kam ab 1952 in die Produktion. Dieses Material kam ohne die komplizierten und teils auch gefährlichen Produktionsschritte des bewährten Celluloid aus. Während Celluloid ein Jahr aushärten muß und durch die Schießbaumwolle hochexplosiv ab bestimmten Temperaturen ist, war es nun möglich, in Formen zu gießen und diese nachzubearbeiten. Bis heute kennen wir die Montblancs in dieser Machart aus dem tiefschwarzen Duroplasten.

 

Andere Farben wie Bordeaux oder Hellblau kenne ich, aber der schwarze Halter mit seinen vergoldeten Akzenten ist doch der bekannteste. 

 

Der 250er wurde in drei Größen hergestellt: 252, 254 wie hier und der größte, der 256. Die Nummerierung bezieht sich auf die 2er-Serie (1= Meisterstück; 2= mittlere Serie; 3= einfachere Modelle) und der Nachfolger der 240er erhielt die Bezeichnung "5" und den Zusatz für die Federgröße. Daraus wird dann also 254.

Diese Feder ist eine elastische Goldfeder mit der alten Beschriftung 14C (für 14 Karat) mit der charakteristischen Verjüngung zum Griffstück hin. Der Ebonit-(= Hartgummi-) Tintenleiter hat eine kurvige Form mit zwei Längsrillen, wie er in dieser Ausführung auch beim Meisterstück verwendet wurde. Ausgleichslamellen gibt es nicht. Vorsicht bei Flugreisen! Dennoch ist der Leiter außerordentlich leistungsfähig und versorgt die Feder mit sehr gutem Fluß. Diese Feder wird teils als wunderschön, teils auch als häßlich beschrieben. Ich schließe mich ersterem an.


Die Flügelfeder wurde in den 60ern vom Griffstück in wesentlichen Teilen versteckt. Sie wurde bis 1970 in den Modellen der Meisterstückserie und der 2er-Serie mit 18- bzw. 14-Karat-Gold angeboten. 

Hier sieht man die saftige OB-Feder meines Exemplars im Einsatz. Die Shin-Kai läuft sehr kräftig und geschmeidig und produziert ein markantes und farbstarkes Schriftbild. Das Schreibkorn ist wunderbar sanft, aber mit sehr guter Haftung ohne zu viel "Feedback", ist leise und sehr komfortabel. Nicht ohne Grund haben diese Flügelfedern (engl. "Wing Nib") einen herausragenden Ruf.


Bei diesem praktisch neuen Exemplar ohne jegliche Mängel ist das Sichtfenster durchsichtig. Ab 1957 waren diese dann blautransparent. 

Der 254 ist mit Kappe 16, ohne 10 g schwer bzw. leicht. 13 bzw. 11,5 cm sind die Längen mit Kappe und ohne. Aufsetzen sollte man die Kappe nicht. Durchmesser in Griffstückmitte ca. 9 und Schaft an der dicksten Stelle ca. 11 mm. Das ist ein etwas pummeliger und kurzer Halter.


Das Aufstecken der Kappe kann eine deutlich vorzeitige Alterung der Kappe nach sich ziehen: Der erhebliche Mangel dieser Modelle ist durch die damals offenbar noch nicht beherrschte Kuststoff-Fertigung eine Rißbildung (Haarrisse, dann Risse) an der Kappe.


Die Steckkappe wird durch den kräftigen vergoldeten Ring zwischen Griffstück und Corpus ermöglicht. Das ist also keine Schraubkappe. 

Mir gefällt das abgerundete Grundmotiv dieser Modelle sehr, an Feder, am vorderen Griffstückende, am oberen und auch unteren Kappenende und natürlich am Füllgriff für den damals obligatorischen Kolbenfüllmechanismus, der sanft und sicher funktioniert und aus Plastik gefertigt ist.


Der elfenbeinfarbene Stern besteht aus Kasein, das sich gelblich verfärbt wie bei den Meisterstücken. 

Die Kappe hat den alten Imprint von MONT BLANC mit dem stilisierten Bergmassiv zwischen den Worten und am Füllgriff die damals typische Einprägung für das Modell und auf der Gegenseite für die Federstärke, also 254 und OB. 


Zusammenfassung:

Jeder sollte einen 254 oder 256 haben (der 252 ist doch sehr klein)?! Wer sich für die alten Montblancs mit ihrer Ausstrahlung und Leistungsfähigkeit interessiert, für den sind diese rundlichen Modelle auf jeden Fall eine Überlegung wert. Häufig werden sie zu überhöhten Preisen angeboten. Der Preis dieses Modells, insbesondere auch unter Beachtung der herausragenden Erhaltung, war sehr anständig und die Beschriftung "F. Haase" stört mich nicht, ganz im Gegenteil. Wer wohl Herr Haase war, der diesen Halter wohl gar nicht benutzt hat?


Ob ich nun diesen Halter benutzen werde, gerade unter Beachtung der Seltenheit eines solchen Zustandes und unter strenger Beachtung einer möglichen Rißbildung unter Benutzung, das weiß ich noch nicht. Schon jetzt ist mir dieser Halter sehr ans Herz gewachsen.

 

Während man einen vielleicht diskolorierten 146er der 50er problemlos täglich einsetzen könnte, selbst wenn der Füllmechanismus auch mal lecken könnte (aber reparierbar wäre), so muß man hier schon aufpassen. 

Man sieht wieder einmal: Der im Design wesentlich einfachere und klassischere 240er ist mit seinem Celluloid-Corpus unverwüstlich. Das scheinbar überlegene modernere Material hingegen macht Probleme und schränkt heutzutage den Einsatz für diese an sich wundervollen Modelle sehr ein. 

 

Ich freue mich unheimlich, den 254er, meinen 254er, nun in Händen zu halten. 


Ich hoffe, ihr Leser freut euch über diesen Bericht über einen wundervollen Füllhalter der 50er Jahre. Mein Dank gilt Herrn Jürgen Kuhse für dieses großartige Exemplar.


Viele Grüße

Euer Thomas


Nachtrag: 


Die Tintenleiter

Serie 2
Serie 2
Serie 1 (mein Exemplar)
Serie 1 (mein Exemplar)

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Kommentare: 5
  • #1

    Marcus W. (Donnerstag, 11 Juni 2015 22:37)

    Einen schönen Montblanc hast Du da wieder. Auch mir gefällt die Flügelfeder sehr. Leider sind diese Modelle oft in einem nicht guten Zustand. Da hast Du ein sehr schönes Exemplar, dass auch noch gut schreibt. Glückwunsch und mache weiter so. Ich freue mich. Viele Grüße Marcus

  • #2

    Gregor (Freitag, 12 Juni 2015 12:18)

    Moin Thomas,
    danke für den sehr schönen Bericht. Ein toller Füller! Deine Ausführung zum Schreibverhalten der Flügelfeder trifft's.
    Ich habe zwei 254. Zu dem einen habe ich ein besonderes Verhältnis, weil es der Füller meines Vaters ist, der ihn lange Jahre durch Studium und einen Teil des Berufslebens begleitet hat. Dieser Füller ist praktisch identisch mit Deinem, bis auf eine OBB Feder (die aber gar nicht mal so breit schreibt). Zustand makellos.
    Da mir dieser Füller ideell zu wertvoll ist, als das ich ihn überall mit hin nehmen möchte, habe ich mir dann einen zweiten zugelegt.
    Der ist interessant, weil er einen 'herkömmlichen' Tintenleiter mit Ausgleichsrippen hat und die Kappe nicht das klassische Mont<Bergmotiv>Blanc Imprint tägt. Austauschteile, oder eine spätere Version?
    Die Kappe hatte einen Haarriß, der sich aber mit Polystyrol-Kleber (Modellbau) problemlos kleben und die Reparaturspur mit Zahnpasta wegpolieren ließ.
    Wegen seiner schlanken Form passt er hervorragend in die Schlaufe eines Notizbuches. Dort begleitet er mich häufig. Zum Schreiben stecke ich furchtlos die Kappe auf... wenn man das mit Gefühl macht, passiert nichts. Leider gibt es keinen Anschlag, auch wenn man den Füller verschließen will, und die Kappe muß mit einer gewissen Sorgfalt auf den Füllerschaft draufgeschoben werden. Fuzzy Logik: Nach fest kommt kaputt... Wer das mit Werbekugelschreiberfingern macht, produziert Bruch.
    Trotzdem: Tolle Füller, die 254, mit einem ganz eigenen Schreibgefühl.

    Gruß von der Küste
    Gregor

  • #3

    pens-and-freaks (Freitag, 12 Juni 2015 20:40)

    Vielen dank, Gregor, für die detaillierten und liebevollen Erläuterungen zu den eigenen Exemplaren. Dieses Exemplar stammt wohl aus der zweiten Serie und müßte dann wohl auch ein blaues Sichtfenster haben. Die Bilder stelle ich oben ein: Deine Aufnahme und "mein" Tintenleiter als Vergleich.

    Vielen Dank nochmals und viele Grüße.

    Macht mir sehr viel Spaß, der 254er und die Geschichten um diesen besonderen Füller.

    Viele Grüße
    Thomas

  • #4

    pens-and-freaks (Freitag, 12 Juni 2015 21:54)

    Durch das Aufschieben der Kappe über den vergoldeten Ring wird dieser abgenutzt. Benutzte Modelle bekommen somit einen sozusagen "entgoldeten" Messingring, der stumpf aussieht. So ist das eben. Was man sich damals so gedacht hat ...

  • #5

    pens-and-freaks (Mittwoch, 17 Juni 2015 20:42)

    Bei diesem 254er in exzellentem Zustand in jedem Sinne habe ich mich, für mich recht außergewöhnlich, dafür entschieden, ihn zu leeren und aufzubewahren, so wie er ist.

    Ich werde ihn ganz vorsichtig behandelt, insbesondere anschauen. Und nicht verwenden. Er ist einfach zu schön und er kann im Gebrauch (leider) nicht schöner werden. Bei anderen Modellen ist dies ja durchaus der Fall.