Visconti Homo Sapiens

Bronze Age Oversize

Einer der besonderen Entwürfe bei den Füllhaltern der Neuzeit ist der Homo Sapiens, den der Kopf und einer der Firmengründer von Visconti, Dante del Vecchio, entworfen hat. Visconti besteht seit 1988 und kommt aus Florenz. Del Vecchio wollte eine neue Küche kaufen und bei der Auswahl wurde ihm als Auflage-Material ein Lava-Material vorgestellt und empfohlen. Diese Oberfläche ist resistent, gerade auch gegenüber Hitze. Da machte es Click. Del Vecchio trat mit dem Anbieter des Basaltlavas in Sizilien in Kontakt. Der Homo Sapiens, wie er schließlich heißen sollte, besteht zu 50 % aus Lava-Pulver und zu 50 % aus einem Kunststoffmaterial. Die unterschiedlichen Modelle haben Akzente aus Bronze, Edelstahl (Steel) und mit einer Ruthenium-Beschichtung (Dark Age) in jeweils zwei Größen (Oversize und Medium). Die neueste Version Elegance besteht hingegen aus einem Duroplast-Kunststoff, hat Edelstahl-Akzente und ein C/C-Füllsystem. 

 

Das hier vorgestellte Modell ist der Klassiker schlechthin mit seinen Akzenten aus Bronze in der Größe Oversize. Die ersten Modelle kamen 2010 in den Handel. 

Der Name Homo Sapiens soll die Verbindung zwischen diesen archaischen Materialien und der konstruktiven Kraft des Menschen einschließlich seinen Fähigkeiten des Schreibens (und somit Bleibens) herstellen. Dieses Modell besitze Akzente aus Bronze, die mit der Zeit anlaufen. Ein beiliegendes Putztuch hilft da nur beschränkt. Am Clip sieht man es hier besonders deutlich. 

Neben der Oberflächen-Korrosion sieht man hier auch die Porigkeit des sehr robusten Materials, das sehr hitzebeständig und bruchempfindlich sein soll. Nun wird das niemand für den Alltag austesten wollen, aber es beruhigt und macht aus dem H. S. ein Instrument als solches. Hiermit unterscheidet er sich komplett von den schwarzglänzenden klassischen Füllhaltern. Der lange und gut fixierende (nicht wackelnde) Clip ist fremdgefedert, ist also von einer Feder geführt. 

Kappe von oben mit dem "MyPen"-System. Der Abschlussknopf ist magnetisch befestigt und lässt sich gegen andere Teile austauschen, wie sie z. B. von Visconti angeboten werden. Mir persönlich gefällt die standardmäßige Visconti-Lösung am besten. 

Die nächste Besonderheit ist der Bajonett-Verschluss der Kappe, die fest und sicher sitzt, nicht wackelt und sich leicht auf- und abstecken lässt. Der gravierte Bronzering mit der Inschrift "Homo Sapiens". 

Das nächste Highlight ist die wunderschöne und typisch Visconti-ziselierte Feder ("Dreamtouch-Feder") aus 23-K-Palladium, einem Platinmetall. Teile der Feder sind vergoldet. Die Federn werden in EF, F, M. B, BB und 1.3-mm-Stub angeboten. Das gilt nur für die Oversize-Modelle wie hier. Die Medium-Modelle haben eine kleinere Feder in den Stärken F, M und B. Die Federn stammen von Bock aus Heidelberg, sind aber letztlich einzigartig und zusammen mit Visconti entwickelt. 

Der Kunststoff-Tintenleiter

Das einzigartige Reisetintenfass funktioniert sehr gut und erlaubt ein sicheres und sauberes Füllen des Halters. Der Bronze Oversize hat ein Vacuum-Füllsystem ("Power Filler"), das aus Titan (!) gefertigt ist und das Füllen mit einem Zug (Füllknopf aufdrehen, Ziehen und somit Herausziehen der Druckstange, Eintauchen der Federn und Teilen des Griffstückes in die Tinte, Hinunterdrücken der Druckstange und Füllen des Halters). Über das Reisetintenfass ist das Füllen in einem Zug besonders effizient und ein vollständiges Füllen bis zu 1,6 mL ist möglich. Eine Tintenstandskontrolle hat der H. S. aber nicht. 

Denn bei dem porösen Material muss man immer aufpassen. Wenn die Tinte nicht abgewischt wird, kann sie in die Oberfläche einziehen und irgendwann einmal die Tinte auch wieder z. B. an die Hand abgeben. 

Eine Empfehlung sind auch die wunderschönen und sehr funktionellen Lederetuis von Visconti.

Die Feder schreibt saftig, aber nicht so wie viele andere. Die Visconti-Federn gelten als sehr sehr saftig. Das hier gefällt mir besser mit der normal gesättigten Tinte von Faber-Castell. Diese Feder ist nicht sehr elastisch, das ist bei diesen Pd-Federn sehr unterschiedlich. manche sind auch sehr flexibel. Warum das so unterschiedlich ist, weiß wohl niemand. 


Zusammenfassende Beurteilung und Einschätzung:

Aus der Anfangszeit kennt man Schauermärchen über Kappenverschluss, Feder-Fertigung und ganz am Anfang auch über das Material. Insgesamt hat sich die Fertigung, wie man auch hört, ganz erheblich verbessert, so dass man von einem sehr robusten und langlebigen Produkt ausgehen kann. Die Oxidierungstendenz des Bronze-Age muss man mögen, andererseits ist er DER H. S. schlechthin. Design, Handling (recht schwer), Materialien und Technik mit dem Titan-Powerfiller, dem Bajonett-Verschluss, der einzigartigen (wenn auch in der Fertigung unterschiedlichen) hochkarätigen Palladium-Feder sind so einzigartig, dass der H. S. sicherlich zurecht zu den besonderen und im wesentlichen auch besten Füllern der letzten 20 Jahre gerechnet werden kann. Durch die zwei Größen, die unterschiedlichen Ausführungen, auch das Füllsystem betreffend (Steel Oversize mit Kolbenfüllsystem via eingebauten Konverter) und die vielen Federn beim Oversize hat man eine breite Auswahl an Möglichkeiten.

 

Für mich ist es ein grandioser Entwurf. Nach Verlassen seiner eigenen Firma darf man gespannt sein, wie sich Visconti weiterentwickeln wird. Del Vecchio ist un mal der Kopf der Marke gewesen. Die arabischen Investoren sollten versuchen, hier ein glückliches Händchen zu haben und diese einzigartige Marke, die für den Füllhalter eine so wichtige Rolle einnimmt, zu bewahren und weiterzuentwickeln. Und vielleicht hört man von del Vecchio wieder ...


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Kommentare: 4
  • #1

    Martin W. (Donnerstag, 28 September 2017 03:04)

    Hallo Thomas! Danke für Deinen ausführlichen Bericht über diesen besonderen Füller. Hat mich sehr interessiert. Danke, dass Du Dir soviel Mühe machst. Ich freue mich immer über Deine Einträge. Viele Grüße! Martin

  • #2

    Horst (Dienstag, 03 Oktober 2017 19:27)

    Jaaah, der HS Oversize ist sicher ein Köder für mich. Seine Entwicklung beobachte ich schon lange, die Meinungen speziell zum "Lave"-Material spreizen sich sehr weit.
    Gleichwohl ein attraktives Schreibgerät.
    Meine Frage: als M-Schreiber: laufen die M eher Richtung F oder B ? Ich weiß, das ist innerhalb der unvermeidlichen Toleranzen schwer zu beantworten, aber vielleicht hast Du tendenziell eine Meinung dazu ?
    Besten Dank,
    Horst

  • #3

    PAF (Dienstag, 03 Oktober 2017 23:00)

    Danke, Horst, für Deinen neuen Kommentar. Es ist immer schön, Nachrichten zu erhalten. Du hast die wesentlichen Punkte, evtl. auch Problempunkte eben auf den Punkt gebracht. Ich habe seit 2010 den H. S. verfolgt und war immer hin- und hergerissen. Die Erfahrungen über die wechselnde, teils üble Federqualität, waren ebenso ernüchternd wie auch die Unklarheiten über das Material. Zieht Tinte ein, was ist mit dem Kappenmechanismus? Irgendwie mußte es 2017 sein. Ich hatte den H. S. im Sinn, natürlich in Bronze und Oversize und ein mir seit vielen vielen Jahren bekannter Händler, mit dem ich per Du bin, hatte zwei dabei! Einer war der Oversize, den ich hier vorstelle. Er hat alle die Nachteile nicht und war neu, zudem war der Preis sehr angenehm. Das als Vorrede.

    Material und Kappenmechanismus scheinen kein Problem zu sein. Auch der Power-Filler scheint dauerhaft zu sein. Die Füllmenge meines Modells ist sehr gut. Ich fülle über das Visconti-Reisefass, das ich sehr empfehlen kann. Die knapp €50 müssen drin sein. Der Füller trocknet auch nicht aus. Der Tintenfluss ist üblicherweise saftig, bei meinem Exemplar "wohltemperiert". Normal gestättigte Tinte ist da Pflicht. Ich benutze die Faber-Castell Royalblau. Die großen Modelle haben ja eine breite Federauswahl, meine EF ist eine F nach meinem Empfinden. Das ist aber "europäischer Standard". Oft ist es ja so, dass die F etwas schärfer gechliffen sind als die M, so dass es nicht immer so ist, dass die M-Freunde mit saftigen F restlos zufrieden sind. Ich würde aber eher zur F tendieren. Die Palladium-Federn fallen extrem unterschiedlich aus, gerade in Bezug auf die Elastizität. Teils gibt es sehr elastische Federn, die viel Freude bereiten, teils sind sie aber auch rigide. Kein Mensch weiss, warum das so ist. Meine Feder ist rigide, ich mag sie aber sehr. Zudem habe ich noch einen zweiten Elegance in F Medium Size. Die Feder ist recht breit, da sie leicht kratzt, habe ich sie über den Händler einschicken lassen.
    Ob Bronze oder Dark Age mit dem Power-Filler-Mechanismus oder Steel mit dem fest eingebauten Kolben-Konverter, das ist geschmackssache. Der Bronze Age läuft halt an, Bronze ist halt so. Auf der anderen Seite ist er sehr authentisch.
    Das Lava-Material fasst sich wunderbar an und ist recht satt in der Hand (nicht leicht!), die matte Oberfläche mit ihrer Porigkeit, das muss man mögen.

    Für mich ist der Homo Sapiens der einzige neue Entwurf seit Jahrzehnten. Der Waterman Edson war in den 90ern ein vergleichbar besonderer Halter.

    Welche Auswirkungen auf die Fertigung der Verlust von Dante del Vecchio, dem Firmengründer hat, kann man nicht sagen. Die Firma ist in arabischer Investorenhand. Man darf dieser besonderen Marke nur weiterhin viel Glück wünschen. Zwei italienenische Marken (OMAS und Delta) haben wir ja verloren.

    Viele Grüße
    Thomas

  • #4

    Horst (Samstag, 07 Oktober 2017 23:02)

    Dank für Deine Hinweise, Thomas. Ich folgere daraus, mein Interesse an dem Oversize von einem persönlichen "Kennenlernen" abhängig zu machen. Das Tintenfüllsystem ist mir eher zweitrangig, die Feder würde ich dann doch eher M wählen. Das lässt sich ja ausprobieren. Aber bei so einem Dickschiff würde mir auch eine stärkere Schriftbreite passen.
    Der sympathische Händler in Frankenthal ist ja nicht mehr aktiv. Schade, bei dem wäre ich das Versandrisiko eingegangen. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob er Visconti überhaupt führte.
    Gruß, Horst