Aurora Hastil

Moderne seit mehr als 50 Jahren

Marco Zanuso, ein italienischer Insustriedesigner, entwarf den Hastil 1970 für Aurora in Turin. Seitdem gibt es den Hastil in verschiedenen Ausführungen, heute in Ecosteel mit Stahl- oder matt rhodinierter 14K-Goldfeder. Daneben wurde er in Sterlingssilber und Lackierungen angeboten.

 

Die Stahlfedern gibt es in F und M, die Goldfedern in EF, F, M, B und BB. 

 

Heute stelle ich ein historisches Exemplar vor mit einem Gehäuse aus Sterlingsilber und einer 14K-Goldfeder in F.

 

Der Hastil steht in der Dauerausstellung des MoMA in New York.

Original und "Fälschung" (es ist natürlich keine!): Wer war zuerst da?

Auf diese Frage kann man schon kommen. Der Hastil 1970 und der ebenfalls bis heute produzierte cp1 von Lamy (wenn auch nicht mehr in gebürstetem Edelstahl, leider). er cp1 ("cylindric pen" kam 1974, Design Gerd A. Müller)

Oben: cp1 (zweite Serie, die erste war schmaler); unten: Hastil


Filigran - das kommt mir in den Sinn, wenn ich den Hastil sehe und in die Hand nehme. Die Wandstärke des Metalls ist gefühlt papierdünn, so auch der eigenwillige und funktionelle, eigengefederte Clip. Man möchte ihm nicht zu viel zumuten. Am Kappenkopf ein schwarzes Metallemblem mit AURORA in silberfarbener Schrift. Am Corpusende ein schwarzes Kunststoff-Inlay.

Die außergewöhnliche Feder, das einfache Kunststoff-Griffstück mit eingeschlagener Seriennummer (?). Das karierte Muster des Sterlingsilber-Corpus


Einfach. Kunststoff-Gewinde, Großraumpatrone System Parker (!) oder alternativ ein Hastil-Konverter (ein Parker-Konverter oder ein Aurora-Konverter z. B. des Talentum oder Ipsilon passen nicht). Die Steckkappe sitzt plan am Corpus.


Die Kunststoffstopper, damit er nicht wegrollt. "Form follows function".


Der schwungvolle Clip


Die Hastilfeder schreibt ganz anders als z. B. die großen Federn im Talentum, 88 oder Optima.


Zusammenfassende Beurteilung:

Ein moderner Hastil kommt mit Goldfeder und Ecosteel-Gehäuse (warum das auch immer so heißt) auf über 500 EUR. Dieser historische ist gerade auch mit dem Sterlingsilber-Gehäuse ein Glücksfall gewesen. Natürlich hat er Gebrauchsspuren und auch minimale Dellen. Er wurde benutzt. Die Kappe hatte die typische Alterserscheinung. Sie wackelte. Zwei Streifen Tesa-Film in die Kappe geklebt - und alles ist in Ordnung. Die Kappe schiebt sich leicht auf und sitzt tadellos. Sie arretiert aber nicht zusätzlich wie beim cp1 mit seinem deutlichen Klick.

Der Corpus löst sich nicht und die Kappenabdichtung ist gut.

Und wie schreibt er und wie fühlt er sich an? Schon mit den cp1 oder auch dem Parker 75 lernt man, daß es nicht unbedingt große oder auch klobige Schreibgeräte sein müssen. Es geht auch mit einem "Bleistift". So fühlt sich der leichte und neutral balancierte Hastil an. Er ist nicht sehr lang, aber auch nicht zu kurz. Man gewöhnt sich an ihn, eben mit einer gewissen Leichtigkeit. Natürlich gibt es Hände, die ihm nicht liegen.

Die Feder? Eine mittelbreite F, sicherlich nicht sehr fein. Aber sehr praktisch beim Schreiben. Normal gesättigte Tinte genügt. Der Tintenleiter mit einem Luftreservoir wurde speziell für den Hastil entwickelt und arbeitet vorzüglich, ich denke das Material ist ein Spritzkunststoff.

Der Federschliff ist genau richtig zwischen sofortigem Anschreiben, etwas "Grip", saftigem Strich in allen vier Richtungen und einer minimalen Elastizität. Den rauhen Lauf moderner Aurora hat er nicht.

Diese Erfahrungen decken sich mit denen anderer Hastil-Eigner.


Fotografiert mit dem iphone 12 Pro


Der Hastil ist ein Produkt seiner Zeit mit neuen Lösungen und einem auf die Funktionalität ausgerichtetem Design. Die zierliche Größe wirkt heute etwas unzeitgemäß, aber was ist schon aktuell? Auf erfrischende Weise zeigt uns der Hastil, was immer richtig war. Ein fantasievoller, optisch ansprechender und zeitloser Entwurf kann ein halbes Jahrhundert überdauern.

Leider ist Aurora, anders als Lamy, einen eher elitären Weg gegangen. Und daher ist der hohe Preis einer größeren Verbreitung nicht gerade zuträglich. Lamy blieb da volkstümlich, wenn ich das so sagen darf.

Der Hastil und sein außergewöhnlicher Kugelschreiber Thesi blieben hingegen immer ganz besondere Schreibgeräte.

 

Ich hoffe, der Ausflug in die Vergangenheit zu einem außergewöhnlichen Schreibgerät damals und heute hat euch gefallen.

 

Viele Grüße
Euer Thomas


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Kommentare: 1
  • #1

    Joe (Samstag, 02 Juli 2022 11:54)

    Danke Thomas für diese schönen und informativen Erinnerungen an einen großartigen Füller. Mit meinem Hastil schreibe ich noch immer. Er datiert - jedenfalls das Griffstück - aus dem Jahre 1973 und war eine Vorserie eines für Montblanc gefertigten Füllers, der dann von Montblanc in den Jahren 1973-1975 unter dem Namen "Montblanc 1225 VIP Pen" verkauft wurde und heute ein begehrtes Sammlerobjekt ist. Die Fertigung für Montblanc erforderte die Nutzung von internationalem Patronenformat, so dass ich meinen ausschließlich mit Pelikan Kurzpatronen befüllen kann. Lange Patronen kann ich wegen der "Plastikbremse" nicht verwenden. Sie verhindert bei mir das Wegrollen nicht aber sorgt dafür, dass ich die Kappe, die bei mir - wie beim Montblanc VIP hörbar einrastet - ohne Verkratzen des Füllerkörpers aufstecken kann.
    Schön, dass Du Dich in bekannter Qualität dieses Klassikers angenommen hast.
    Danke Joe