Maßstab für Füllfederhalter?

Ist der Montblanc Meisterstück 146 sein Geld wert und entspricht er in  seinen Eigenschaften den Erwartungen?


Die Zigarrenform stammt von 1948. Seither gibt es das Meisterstück, wie wir es heute kennen. Nach der Interimszeit in den 60ern und Änderungen im Material fanden die letzten größeren Veränderungen Anfang der 90er Jahre statt. Seither hat das Meisterstück mit Kolbenfüllsystem (Modelle 149 und 146) ein schlitzförmiges klares Sichtfenster und einen Plastik-Tintenleiter.

In der Zwischenzeit gab es weitere Anpassungen, die vor allem denjenigen auffallen, die diese Modelle schon länger kennen. Offenbar wurde das Tintenleitsystem verbessert und die Kappen schließen nun dicht ab. Früher gab es auch nur eine Garantie von sechs Monaten!

Oben sehen wir die teilplatinierte 14K-Goldfeder, unten den Tintenleiter mit seinen Querrillen. In den 70ern und 80ern war es noch ein Ebonit-Tintenleiter. Die Federn waren einfarbig und das große Tintensichtfenster wechselte von blau auf grau.

So sieht das Sichtfenster seit 30 Jahren wieder aus. Bis zum Auslaufen der ersten Serie 1959/60 hatten die Tintensichtfenster auch diese Striche. Man kann den Tintenstand ausreichend gut ablesen.

Der breite KIappenring hat unverändert diese tiefe Gravur, aktuell MONTBLANC MEISTERSTÜCK ohne die Angabe 146. Der Dreifachring besteht aus einem Teil, das in den Kunststoff eingepreßt wird. Dadurch sind die Ringe stabil und können sich nicht drehen. Die Vergoldung ist üppig. Auf dem Clip-Ring ist eine individuelle Seriennummer seit den 90ern eingraviert. (Die Bilder sind leider umständehalber verpixelt und werden im Verlauf ersetzt werden.)


Meßwerte:

Gewicht gefüllt: 27 g, ohne Kappe 17 g

Größenangaben: Länge geschlossen 14,5 cm, ohne Kappe 12,4 cm, Durchmesser Griffstück 1,1-1,2 cm; Durchmesser Corpus 1,3 cm


Preise im Dezember 2021:

146 vergoldet: EUR 600

146 rosévergoldet: EUR 620

146 Pt: EUR 630

147 Traveller (Ausführung mit Patronenschlitten): EUR 630

Zum Vergleich Pelikan Souverän 800 (vergoldete Akzente): EUR 535


Zusammenfassende Beurteilung:

  1. Am Montblanc Meisterstück scheiden sich seit langem die Geister. Spätestens seit einer sehr elitären Werbung in den 90ern, der Focussierung auf teure Serien und der erheblichen Preiserhöhungen wollten viele Interessenten nicht mehr so recht mitgehen. Die Meisterstücke werden als erstklassig verehrt, teils aber auch nur verschenkt und vielleicht nicht verwendet, teils finden sie sich in den Händen von Menschen, die damit gerne einen gewissen Status und ein bestimmtes Gehabe verbinden. Letztlich bleibt es jedem selber überlassen, ob und wie er bei Montblanc ankommen kann oder will oder eben nicht.
  2. Die einzige Diskussion, die man führen kann, ist es zu beurteilen, was man an Füllhalter für das viele Geld bekommt, wenn z. B. ein Lamy 2000 als absoluter Gegenpol problemlos für unter EUR 200, oft um EUR 150, zu haben ist.
  3. Zunächst einmal rate ich, einen solchen Halter entweder auszuprobieren oder von einem vertrauensvollen Händler zu beziehen. Dann bekommt man auch eine ausgewählte Feder, die eine Enttäuschung - hoffentlich - vermeidet. Montblanc hat flexible Preise immer unterbunden. Ich denke, das ist momentan noch genauso, zumindest im Inland. Gebrauchte Meisterstücke sind so eine Sache, kommt man doch nicht in Genuß eines Federtauschs oder einer Garantieleistung, die Montblanc beim Neukauf einräumt (2 Jahre Hersteller-Garantie).
  4. Beachtet werden sollte auf jeden Fall, daß Montblanc sehr konsequent auf das Kaufdatum schaut und Kulanzleistungen, die man bei Pelikan oder Lamy kennt, so nicht erwartet werden können. Auch interpretiert man ein Öffnen des Schreibgerätes als unqualifizierten Eingriff und lehnt eine Garantie ab. Früher war es auch so, daß man meinte, Kunden nachweisen zu können, daß keine Tinte von Montblanc verwendet worden sei. Damit bestünden auch dann keine Garantieansprüche. Ob das noch so durchgesetzt werden will und kann, weiß ich derzeit nicht.
  5. Wenn man so weit mitgekommen ist und noch nicht das Handtuch geworfen hat, kann man sich daran erfreuen, daß Montblanc auch die Federn inhouse in Hamburg fertigt und in acht Stärken anbietet (EF-F-M-B-BB-OM-OB-OBB). Also auch unverändert Oblique-Federn! Das ist lobenswert. Die Fertigungsqualität in Material und Ausführung ist erstklassig. Neben den zahlreichen Limited Editions entscheidet man sich am besten für Schwarz und wählt die gewünscht Plattierung. In meinem Falle habe ich mich aus bestimmten persönlichen Gründen, anders als beim 149er letzens, für die Variante Schwarz-Gold entschieden.
  6. Man muß sich weiter daran gewöhnen, daß die Verpackung eine ähnliche Langeweile verbreitet, wie z. B. auch bei japanischen Hersteller. Das ist für mich aber in Ordnung. Es liegt ein kleines Heftchen bei mit der üblichen Bedienungsanleitung und mit der Garantieurkunde auf dem letzten Blatt. Bitte nicht wegwerfen!
  7. Zudem hat es einen bis dahin erfreut, daß man diesen Halter rasch bekommen kann. Bei den großen Anbietern sind die Federn meist vorrätig oder es dauert vielleicht eine Woche. Bei den Montblanc-Händern und -Boutiquen vor Ort sollte alles dasein. Ich hoffe es zumindest. Dieser 146er kommt wiederum von einem sehr bekannten Händler, der für mich immer eine perfekte Vorauswahl trifft. Bei einem Aurora kann es auch schon einmal viele Wochen dauern, bis geliefert werden kann.
  8. Die Anfaßqualität ist wie gewohnt sensationell und unübertroffen, allenfalls Urushi-Lack-Modelle aus Japan kommen da heran. Duroplast-Kunststoff, Edelharz oder von mir aus auch englisch Resin. Es ist ein tiefschwarzes Material, das sich glatt, porzellanartig anfaßt und mit seinen Mikrokratzern im Verlauf, so finde ich, immer schöner wird und sich nie stumpf anfühlt. Vorsicht vor Desinfektionsmittel, möchte ich als Arzt sagen! Das gilt natürlich für viele Oberflächen. Kappenschluß, Laufverhalten des Gewindes (Gewindegang praktische knapp 1 1/2 Umdrehungen), Lauf des Kolbens und Tadellosigkeit in jedem Detail sind hier selbstverständlich. Ein Kugelschreiber 164 begleitet mich, in Funktion und Material ohne jede Einschränkung, seit 1996. Die Vergoldungen werden Mikrokratzer bekommen und der dann etwas gebürstet erscheindende Clip wird noch schöner werden. Der Clip ist rigide, aber funktionell und für die Kleidung nicht gefährlich.
  9. All das haben wir vom Meisterstück erwartet. Nimbus, Design, Material und Haltbarkeit sind bekannt, Preis und Garantie auch. Aber jeder will doch wissen: Wie schreibt er nun? Gerade auch mit EF? Wie sind die Unterschiede zum 149er?
1.200 dpi
1.200 dpi

Schreibverhalten:

  • Haptik und Größe der Feder harmonieren für mich gut. Ein Aurora Talentum liegt mir noch besser in der Hand. Das sind manchmal Kleinigkeiten. Ein bißchen frontlastiger wäre nicht schlecht. Der Halter fühlt sich leicht an, aber nicht federleicht. Die schöne Feder hat die bei Montblanc übliche Stempelung und wurde von vielen anderen Anbietern mit den Jahrzehnten "nachempfunden". Das M steht für Montblanc. Die Federstärke wird als kleiner Aufkleber auf dem Füllgriff angebracht (war hier nicht so). Früher wurden die Füllgriffe mit der Federstärke gestempelt. Das ist schon seit den 60ern vorbei.
  • Das Füllen geht leicht von der Hand. Der Tintenvorrat entspricht in etwa dem einer Großraumpatrone. Die Tintenfässer von Montblanc sind mit ihrer Schuhform und dem daraus sich ergebenden Reservoir sehr funktionell. Eingefüllt wurde die Royal Blue, die gegenüber der früheren Königsblau (damals noch im rundlichen 50 mL-Glas) gut, aber auch wenig charakteristisch ist. Dafür ist sie teuer. Die Tinten kommen aus Österreich. Sollte man dokumentenechte Tinte benötigen, stehen einem die Permament Blue und Black zur Verfügung. Ans häufigere Ausspülen denken! Vorteil: Montblanc muß bei (natürlich korrekter) Benutzung dieser Tinten für die Funktion der Füllhalter in der Garantiezeit einstehen. Das ist bei solchen Tinten nicht unerheblich.
  • Wichtig ist auch die Kappenabdichtung, die früher nicht sehr überzeugend war. Beim neuen 149er gibt es nichts zu beanstanden, auch nicht nach Wochen. So erwarte ich das auch hier.
  • Größe und Funktionalitiät bzgl. des 149 und 146? Der 146 ist eher die heutige Normalgröße, nicht klein. Der 149er ist eine Übergröße, die aber recht gut in der Hand liegt. Die wunderschöne, sehr große Feder (bei MB die Nr. 9) hat einen anderen Hebel und wirkt schwerer oder auch schwerfälliger, wie man will.
  • Der 146, wie er mir vorliegt, hat eine feine, nicht wirklich sehr feine Feder. Ein Pilot Custom 823 mit F schreibt deutlich feiner. Für europäische Federn ist es aber in Ordnung. JoWo und zum Teil Bock haben bei einigen Anbietern feinere Federn, zumindest bei den Stahlfedern. Man beachte aber die Serienschwankungen bei einer Federstärke! Diese Feder ist außergewöhnlich, ich hätte eine geglättete Federspitze erwartet, evtl. sogar mit einem Anschreibproblem. Das ist nicht so! Die Feder ist recht scharf angeschliffen ohne zu kratzen und hat einen sehr ausgewogenen, genau passenden Tintenfluß in allen Ebenen. Ich finde, daß das Schriftbild auch etwas plastisch ist und sehr attraktiv wirkt. Die mir vorliegende 149er EF ist glatter geschliffen und hat bei horizontalen Rpckzug je nach Federhaltung etwas Schärfe. Die 146er ist für meinen Geschmack genau richtig, ich würde sagen, optimal. Alle diese Federn sind rigide. Sie sind nicht auf eine Strichvariation durch Druck ausgelegt, auch wenn mehr Druck etwas mehr Strichbreite mit sich bringt. Hier empfiehlt sich das Schreiben mit ganz leichter Hand. Und das kann diese Feder in hervorragender Weise.
  • Ich darf bei der Gelegenheit meinem Fachhändler sehr dafür danken, wiederum eine sehr gute, ja exzellente Feder ausgewählt zu haben.

Kommentar schreiben

Kommentare: 8
  • #1

    Uwe (Sonntag, 05 Dezember 2021 16:12)

    Hallo Thomas,

    vielen Dank für diesen ausführlichen und aufschlussreichen Bericht!

    Dennoch bin ich bzgl. der Anschaffung sehr unentschlossen und werde wohl demnächst erstmal eine MB-Boutique aufsuchen (ist ja in HH kein Problem), um einen 146er in Augenschein zu nehmen. Dabei helfen mir die Punkte aus deiner Beurteilung sehr als „Richtschnur“!

    Neben dem Preis stört mich das von dir in Punkt 4. beschriebene Geschäftsgebaren. Das finde ich in dieser Preisklasse völlig unangebracht. Dabei stört mich insbesondere, dass ich zur Wahrung der Garantie quasi verpflichtet werde, die hauseigene Tinte zu verwenden (ich kenne keine MB-Tinte, die ich dauerhaft verwenden möchte!).

    Schade auch, dass es sich bei der Feder nicht um eine „echte“ EF handelt. (Auch eine „europäische“ EF sollte doch mindestens mit der Strichbreite einer japanischen F vergleichbar sein.) Aber, wie oben geschrieben: das werde ich mir demnächst „in Echt“ ansehen und schauen, ob mir die Anschaffung trotz der genannten Kritikpunkte behagt.

    Gruß
    Uwe

  • #2

    Pens and Freaks (Sonntag, 05 Dezember 2021 18:55)

    Ich freue mich auf Deine eigene Einschätzung, Uwe.
    Vieles schreibe ich heute mit dem Platinum 3776 Century UEF Chartres Bleu und Emerald mit blauer und grüner Tinte.
    Vielleicht sollte ich auch eine Beste 10 für 2021 machen.

    Viele Grüße Thomas

  • #3

    Uwe (Mittwoch, 08 Dezember 2021 17:01)

    Die Einschätzung teile ich gerne mit. Es wird allerdings erst Anfang nächsten Jahres sein, da ich momentan selten in HH bin.

    Ja, der Platinum 3776 Century ist auch einer meiner Favoriten (allerdings mit EF-Feder). Eine UEF ist bei mir auch dazugekommen, sie schreibt aber eigentlich nicht feiner, doch mit geringerem Tintenfluss. Die EF gefällt mir deutlich besser. (Im Moment hat der Kaweco Liliput mit EF-Premium-Feder den Century allerdings abgelöst, dessen Feder fast genau so fein schreibt - man glaubt es nicht!)

    Auf deine Bestenliste freue ich mich! Bei mir hat sich 2021 nicht so viel getan. Der Sailor Pro Gear mit F-Feder ist immer noch mein Top-Favorit! Ich liebe einfach dieses für Sailor typische Bleistift-Feedback.

    Wie verhält sich nach deiner Einschätzung die EF-Feder des MB 146 im Vergleich zu einer Sailor F-Feder (Breite, Feedback)? Oder kann man das gar nicht vergleichen?

    Viele Grüße
    Uwe

  • #4

    Pens and Freaks (Mittwoch, 08 Dezember 2021 22:06)

    Hallo Uwe,
    es handelt sich um rigide Federn ähnlicher Größe. Gemeint sind die 21K-Goldfedern bei Sailor. Ich kenne viele Sailor-F-Federn. Jede ist anders! In Breite, Schreibverhalten in allen Richtungen und auch in der Sanftheit. Eigentlich muß man Sailor-Federn vor Ort probieren (das kann man in D nur eingeschränkt). Mein 1911L Black Luster hat eine hervorragende moderate F, ein schwarzer 1911L eine breitere, sehr sanfte Feder, ein 1911L Realo schreibt ähnlich breit, aber "bleistiftartiger" in Sound und im Schreiben. Die Federn in den Pro Gear haben alle einen schlechteren horizontalen Rückstrich und sind teils recht raspelig. Die MB EF, die ich kenne, sind ähnlich in der Strichstärke. Eine EF im 1911L ist eindeutig schmaler, aber auch sehr rauh, rauher auch als bei Platinum.
    Zum Platinum 3776 C in UEF. Bei mir ist es umgekehrt, ich halte beide UEF für optimal, auch im Fluß. Eine EF ist erheblich schlechter im Tintenfluß.
    Bei Pilot ist das wiederum anders.
    Viele Grüße
    Thomas

  • #5

    Uwe (Donnerstag, 09 Dezember 2021 16:08)

    Hallo Thomas,

    vielen Dank für deine Antwort!

    Ja, man kommt um das Probeschreiben vor Ort eigentlich nicht herum. Ich nehme das also im Januar in der MB-Boutique in Angriff und werde berichten.

    Bei der Sailor Feder hatte ich Glück. Ich konnte Probeschreiben (in HH-Altona gibt es ein Geschäft, die von MB auf Sailor "umgestellt" haben - so nannten die das). Ich wollte eigentlich einen Pro Gear mit EF-Feder kaufen - die F-Feder (21 K) schrieb aber so überzeugend, dass ich mich für diese entschieden habe. Dass die Unterschiede bei den Federn so gravierend sind, wie von dir beschrieben, hätte ich nicht gedacht ...

    Viele Grüße
    Uwe

  • #6

    Pens and Freaks (Freitag, 10 Dezember 2021 20:25)

    Hallo Uwe. Doch, gerade bei Sailor. Daher auch die sehr unterschiedlichen Einschätzungen der Marke.
    Der 1911 large Realo konkurriert mit dem Montblanc Meisterstück 146 Le Grand.
    Durch irgendwelche Änderungen an der Tintenzuführung und mit der guten Kappendichtung hat sich das Blatt gewendet. Und die OM-OBB, die es in Japan nicht gibt.
    Aber: alles Geschmackssache.

    Viele Grüße Thomas

  • #7

    Uwe (Samstag, 11 Dezember 2021 16:35)

    Hallo Thomas,

    danke für die Info! Na dann weiß ich ja nun, dass ich auf meinen Pro Gear gut aufpassen muss!

    Habe gerade erfahren, dass die MB-Boutiquen wegen der Pandemie nur Online-Termine machen. Da wird es schwierig mit dem Probe-Schreiben. In den anderen mir bekannten Geschäften in HH muss man schon großes Glück haben, wenn man nach EF-Federn fragt (sogar die F gibt es manchmal nicht!).

    Hoffen wir das Beste ... ich fürchte aber, diese Situation bleibt uns noch lange erhalten ... :-(((

    Viele Grüße - und bleib gesund!
    Uwe

  • #8

    Pens and Freaks (Sonntag, 12 Dezember 2021 00:28)

    Ich kaufe MB nur bei einem Händler, aufgrund der Entfernung online

    Kann ich gerne per Mail nennen.

    Viele Grüße Thomas